Die eigene innere Stimme zu vernehmen ist eine Sache. Die nächste ist die Frage, was damit gemeint ist. Denn die meisten denken vermutlich, ich spreche von einem Faden, der uns gedanklich hält. Einem Wegweiser, der uns die nächsten Schritte erzählt, von dem wir nicht abweichen dürfen oder sollten, weil sonst etwas Schlimmes passiert.
Es ist so viel einfacher.
Eine Weile habe ich gedacht, dass meine Gedanken die innere Stimme abbilden und formen. Dass ich nur mit Hilfe meiner physischen Gedanken, so nenne ich sie, bestimmen kann, was in meinem Leben passiert. Damit habe ich dann tagein tagaus nur noch gedacht. Das war eine Höllenfahrt, anstrengend und wenig befriedend.
Es ist eine andere Stimme, von der ich spreche, wenn ich die innere meine. Sie hat mit Vertrauen zu tun.
Wenn wir mit der eigenen inneren Stimme in einen Kontakt kommen wollen, brauchen wir Vertrauen. Zunächst in unser Handeln. Das ist von unserem Denken und unseren Entscheidungen geprägt, die wir uns machen, sobald wir über eine Sache oder Begebenheit nachdenken. Das ist ein Teil des Weges, jedoch nicht der Prozess, den ich mit „der inneren Stimme treu sein“ meine.
Der inneren Stimme einen Weg zu ermöglichen kann nur gelingen, wenn wir üben, auf unseren Bauch zu hören, während wir auf unsere Gedanken achten.
Es ist leider nicht einfach zu sagen, doch so schnell gefühlt, wenn wir einmal einen Gedanken daran haben. Denn die innere Stimme ist der Bauch, ist das Gefühl, die Stimme, die sich gut anfühlt, auch wenn die Entscheidung eine schwere oder kaum zumutbare ist. Sie vertraut uns an, was wir schon längst wissen: Was sich gut und stimmig anfühlt.
Auch als Grundvertrauen bekannt ist dieser Weg vermutlich ein zu einfacher. Doch sie ist unsere einzige Chance, um mit uns in einen direkten Kontakt zu gehen, der sich lohnt aufrecht gehalten zu werden. Denn natürlich sind Gedanken, Argumente und Handlungen wertvoll und unumgänglich. Doch wenn wir nicht mit uns in einem Konsens sind, also wenn alle Gefühle, Gedanken und Werte in uns vereint sind, kommen wir nicht auf einen gemeinsamen Nenner mit uns selbst.
Das verursacht Dissonanzen, das Gefühl einer Distanz zu uns selbst. Und damit beginnt die Suche im Außen von vorne.
Wir haben eine innere Stimme, mit der wir verhandeln können. Doch wird sie uns immer wieder das sagen, was sich am besten und klarsten anfühlt. Sie stimmt sich nämlich nicht bei der nächstbesten Gelegenheit um. Sie fühlt immer das Gleiche: Was uns am nächsten ist, sich am besten anfühlt und für den nächsten logischen Schritt gebraucht wird, damit wir in einer Harmonie mit uns leben können.
Was wir hier erfahren können ist nicht mit der Wissenschaft belegbar. Glauben versetzt Berge, so sagt man. Doch heißt es auch, dass man auf seinen Bauch hören soll, wenn man am Abgrund steht.
Wie können wir da mit unseren Argumenten mithalten, wenn sich die Frage gar nicht auftut, ob wir springen oder nicht? Wir gehen einfach zum nächsten Bergabschnitt, zur nächsten Abzweigung, die sicherer ist. Weil sich dieser Moment nicht richtig anfühlt, nicht lebenswert. Damit sind wir dann einen Schritt näher bei uns selbst. Nicht näher beim Abgrund oder bei jemand anderem, aber eben mit dem Gefühl der inneren Sicherheit, dass wir uns auf uns selbst verlassen können und uns sicherlich nicht mehr in die Gefahr einer Situation begeben werden, die uns keinen Halt gibt.
Wir bestimmen also selbst, wie stark wir uns mit uns selbst in eine Verbindung begeben, wie stark wir uns verbinden.
Es ist jetzt nur die Frage, wer kann sich das noch erlauben und leisten? Sind wir nicht alle zu sehr damit beschäftigt, diese Stimme, von der ich spreche, zum Schweigen zu bringen, um zu parieren, zu funktionieren?
Genau. Darum sprechen wir. Weil es nicht anders geht, wenn wir in Harmonie mit uns selbst sein möchten. Weil wir uns selbst keine Ideen oder Geschichten verkaufen können. Sie werden uns immer nur daran erinnern, wie wir versucht haben, uns selbst über den Tisch zu ziehen und uns auszuschlachten für den nächsten 1. Platz, den wir nicht einmal haben möchten. Stattdessen hören wir wieder und wieder den Gedanken anderer zu und finden, dass sie sogar Recht haben. Es geht nicht mehr, wir müssen handeln. Und schon sind wir wieder gefangen.
Eine innere Stimme zu haben ist leicht. Jeder hat seine. Dennoch ist sie schwerer zu hören als wir gelernt haben und denken. Es ist also eine Notwendigkeit für jeden, der sich näher kennenlernen möchte, mit dieser inneren Form der Unterhaltung zu beginnen, mit sich selbst zu forschen, was gemeint ist, wenn ich sage, die innere Stimme hat einen Namen. Einen Platz in unseren Armen.