Niemand ist diesem Gefühl bekanntlich erhaben. Wir haben alle diesem Kompromiss bedingungslos zu dienen? Nicht immer!
Wenn wir helfen uns zu kümmern, also um unsere eigenen Dinge in unserem Leben bemüht sind, heißt das noch lange nicht, dass wir auch solche Elemente gutheißen können, die es uns schwermachen. Doch was heißt das?
Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment, als ich versuchte, mich mit meinen Eltern auf einen Konsens zu einigen. Es ging um die lediglich zu lang gewachsenen Haare. Meine Mutter wünschte sich, dass ich sie so lang ließe bis zu meiner Konfirmation. Und ich wollte absolut nichts mehr mit diesen langen Fusseln bis zum unteren Rücken zu tun haben. Was für ein altes Zeugs!
Wie findet man einen Kompromiss, der ja eigentlich nur das eigene Bedürfnis angeht?
Ich habe den Kompromiss nicht nur akzeptiert und bis zur Konfirmation gewartet. Ich habe diese langen Haare bis zu meinem 25. Lebensjahr unangetastet gelassen. Kein Friseursalon, lediglich die Haarschneidekünste meines Vaters haben mein Aussehen langsam aber sicher in die Unsicherheit getrieben. Wie würde ich aussehen, wenn meine Haare kürzer wären?
Würde ich dann noch geliebt? Und wie könnte ich es wagen, über meine Schönheit selbst zu bestimmen?
Diese vielen Überlegungen führten zu nichts. Ich hatte mich selbst nicht im Griff. Also beschloss ich zu experimentieren. Der Pony, den ich mir als kleines Mädchen vor einer Klassenfahrt geschnitten hatte, konnte ich als Experiment nicht wirklich gelten lassen. Nun war es an mir, dem eigenen Aussehen ein Aussehen und eine Haltung zu verleihen.
Meinem großen Unmut zum Trotz beschloss ich immer wieder, mich neu zu erfinden. Es gelang mir nur widerspenstig. Jeder Versuch, mich „neu“ zu sehen oder zu interpretieren, scheiterte nach kürzester Zeit. Warum?
Meinem Gefühl zum Trotz muss ich anmerken, dass wir alle bereits mit der eigenen Bedürfniswelt geboren werden. Wir haben nicht die Dinge und Gefühle der anderen in uns. Das kommt erst später. Was wir jedoch fühlen möchten und fühlen können sind zweierlei. Diesem Gefühl muss ich mich also zuwenden, wenn ich einen Kompromiss eingehen möchte.
Damit ich für mich wählen kann, ob ein Gefühl auch trägt, ist es unerlässlich zu entschleunigen. Nur so kann ich verstehen, woher dieser Kompromiss überhaupt herrührt. Denn ist er von außen instruiert und in mich hinein katapultiert worden, so ist es doch sicherlich wertvoll, diesem erst einmal nachzugehen, bevor ich mich danach richte.
Liebe entsteht nicht im Herkunftsland. Also bin ich meiner eigenen Liebe zwar nicht uneingeschränkt fähig, doch dieses Gefühl, geliebt zu werden, entsteht doch noch einmal ausführlicher, sobald ich in einem Austausch mit meiner Umwelt und den Mitmenschen darin stehe. Wie kann es somit für mich einfacher werden, wenn ich Kompromisse eingehe? Es müsste mich hin und wieder sogar erleichtern, damit ich eben mehr Liebe bekommen kann. Doch stimmt das?