
Wenn wir unsere Lebenswege sehen könnten, wie sie am Ende einmal aussehen, würden wir sie dann verändern oder gar verwischen?
Ich kann es nicht leiden, wenn wir uns mit der Technik so vertraut gemacht haben, dass sich kaum ein Mensch mehr individuell mit seinen Macken oder Fehltritten schmücken darf. Er kann sich auch nichts wegdenken, weinen oder gar die Fehler, die er meint, gemacht zu haben, einfach so auf seiner Online Plattform präsentieren. Dafür ist es noch zu früh. Wir fangen gerade erst an.
Die eigene Identität ist eine heikle Angelegenheit. Wir wollen alle eine eigene. Dennoch wollen wir dazu gehören. Aber wir wollen eben auch auffallen, uns nicht an die Regeln halten oder gar noch einmal von vorne beginnen, wenn sich etwas als nicht sonderlich lukrativ herausgestellt hat.
Doch wie können wir alle „individuell“ sein, wenn wir alle gleich sind? Ich kann da nicht folgen.
Wenn wir so sehr daran hängen würden, uns einmal sein zu lassen, wie wir nun einmal sind, wäre die Identität befreit. Wir alle wären einfach da, hätten einander im Arm und würden uns nicht damit beschäftigen, was einfach mal dazugehört in diesem Sein unseres Lebens.
Wir tragen alle ein Gefühl der Nächstenliebe in uns, doch wir wollen auch ein wenig selbst erkannt werden. Ist doch so! Hauptsache, alle fühlen sich wohl in ihrer Haut, sorgen aber gleichermaßen dafür, dass wir selbst es sind, die gebauchpinselt werden.
Darum ist es gerade so wichtig, den anderen ihre Andersartigkeit zuzusprechen und zu erlauben. Dann können wir uns auch aus unseren Kellern trauen und unsere ach so langen Nasen und angeklebten Fingernägel zeigen.
In dieser Phase der heutigen Zeit ist es sehr wichtig, Anerkennung von Außen zu bekommen. Eben auch in Form von geschmücktem Fleisch, Versagensängsten und dem Gefühl, sich auf den eigens gebastelten Thron setzen zu müssen, damit anderen noch einmal auffällt, wie sehr wir uns selbst schaden würden, sobald sich dieser Thron tragisch in Luft auflöst.
Wir fühlen also immer mehr, kommen aber nicht zu uns selbst oder in ein Gefühl der Nähe zueinander. Warum?
Wir haben Angst. Die anderen sind die Mutigen, die Schwachen, die mit dem Etikett im Gesicht. Und wir? Wir haben die Hosen voll, wollen uns sicherheitshalber nicht zeigen, wie wir sind, halten uns daran, was wir gelernt haben und kommen mit dem eigenen Kram kaum hinterm Vorhang hervor. Weil wir ihn nicht einmal kennen.
Die eigene Identität ist nicht das Gefühl, dass sich die anderen für uns interessieren müssen. Oder gar für uns einstehen, sich zeigen oder uns dafür loben, dass wir darüber sprechen, schimpfen oder uns selbst die meiste Zeit über darstellen. Details veröffentlichen. Es ist nicht wichtig, wie wir es über die anderen gespiegelt bekommen.
Nun ist es an der Zeit, sich nach Innen zu wenden, um dem eigenen Raum einen Platz zu gewähren, in dem wir selbst sein können, nicht nur im Außen, sondern eben auch im Innen.
Wir können eine Verbindung herstellen zwischen dem, was in uns selbst steckt, aber auch im gesellschaftlichen Kontakt gelebt und ausgedrückt werden will.
Wir können Menschen helfen, sich selbst wieder mehr zu öffnen. Sich selbst mehr das Gefühl zu geben, wertvoll zu sein. Für diesen Prozess braucht es eine Menge Mut. Und das Gefühl, sich selbst etwas wert zu sein.
Wenn wir also damit aufhören, uns selbst zu beweihräuchern und uns gegenseitig auszuschlachten, kann dabei etwas Schönes entstehen. Dann haben wir einen Grund uns zu zeigen, wie wir sind.
* gemeint sind – wie immer – alle Geschlechter